Ist fair gehandelter Kaffee wirklich fair?

Mar 4, 2011 by     1 Kommentar    Posted under: Fairer Handel Kritisches, Kaffee, ShopsAusTopMenu

Bereits 2007 kam eine von der Koordinierungsstelle der KleinproduzentInnen für den Fairen Handel in Lateinamerika und der Karibik (CLAC) veröffentlichte Studie zu der Feststellung, dass die Preise im Fairen Handel seit langem nicht mehr den Kosten entsprechen. Zwar hat die Fairtrade Labelling Organization International (FLO) den Fairtrade-Mindestpreis für Arabica-Kaffee zum 1. Juni 2008 um durchschnittlich 5 US-Cents auf 125 US-Cents pro Pfund erhöht, aber ist das wirklich genug? Schließlich war es die erste Erhöhung seit über 10 Jahren…

Hierzu hat die Redaktion des Magazins onda-info mit dem Autor der Studie, Christopher Bacon, einem an der University of California tätigem Agrarökologen, gesprochen. In dieser Studie zur Situation der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Mexiko und Zentralamerika kommt Christopher Bacon zu dem Ergebnis, dass der Fairtrade-Mindestpreis erhöht werden müsste, da er momentan kein Niveau erreichen würde, bei dem die Existenzgrundlage der Bauern und Bäuerinnen nachhaltig gesichert wäre. Tatsächlich sei der echte, von der Inflation bereinigte Preis, sogar gesunken. “Wenn wir aber den Fairen Handel genauer betrachten, müssen wir feststellen, dass er nicht mehr so fair ist, wie er einmal war,” bemerkt Christopher Bacon in diesem Interview.

Aber was kann der Faire Handel tun bzw. wie sollte er sich verhalten?

Zunächst muss man überhaupt klären, was mit Fairem Handel an dieser Stelle überhaupt gemeint ist. Denn nicht alle Fair-Handels-Unternehmen übernehmen den von der FLO festgesetzten Mindestpreis, sondern orientieren sich vor allem an den Gegebenheiten und Notwendigkeiten der Projektpartner vor Ort. Das heißt, dass nicht alle Unternehmen, die sich für den Fairen Handel engagieren, gleichzeitig Fairtrade zertifiziert sein müssen. So gibt es durchaus Unternehmen, die im Fairen Handel aktiv sind, sich das Siegel aber einfach “sparen”, wie etwa Kaffee Braun bei seinem Aschaffenburger Partnerkaffee. Das heißt aber nicht, dass der Partnerkaffee weniger “fair” ist. Vielmehr setzt die Kaffee Rösterei Braun individuelle “faire” Vorgaben eigenverantwortlich um.
Im Gegensatz dazu geht es in dieser Diskussion um den Fairen Handel, der sich allein am Mindestpreis der FLO orientiert. Da Kaffee in einer Vielzahl von Ländern mit unterschiedlichen ökologischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen angebaut wird, ist die Frage nach dem allgemein gültigen Mindestpreis durchaus gerechtfertigt. Fair-Handels-Unternehmen geben in diesem Zusammehang gerne zu bedenken, dass eine  Erhöhung des Mindestpreises die Nachfrage dämpfen könnte und die fair gehandelten Produkte nicht mehr mit den konventionellen Produkten konkurieren könnten. Dazu merkt Christopher Bacon an, dass trotz dem Preisanstieg in den letzten Jahren, das Handelsvolumen im Fairen Handel dennoch stark gestiegen ist. Außerdem seien die Bedenken rein spekulativ, denn es fehlten entsprechende Erfahrungswerte.
Bacon gibt darüber hinaus zu bedenken, dass der Faire Handel für eine ganz bestimmte Geisteshaltung steht und fragt, ob eine stark ökonomisch geprägte Denkweise überhaupt mit den ursprünglichen Prinzipien des Fairen Handels vereinbar ist.

Wie kann also die Zukunft des Fairen Handels aussehen?

Christopher Bacon schlägt vor, ein langsameres Wachstum zu akzeptieren und sich dafür aber um bessere Handelsbeziehungen zu bemühen, die mehr Auswirkungen auf die HandelspartnerInnen haben. “Mit der Mainstream-Strategie kann man zwar Wachstum erzielen, aber nur um den Preis, dass die Standards gesenkt werden. Das ist die momentane Situation. Und die ProduzentInnen sind direkt davon betroffen.”
Der Aschaffenburger Partnerkaffee ist seit über 15 Jahren auf dem Markt und im Vergleich zu anderen fairen Kaffees ist er nicht teurer. Vielleicht liegt gerade in dieser Anpassung an individuelle Verhältnisse die Stärke und Zukunft des Fairen Handels.

Unabhängig davon welche Meinung man vertritt, erkennt man doch sehr deutlich, dass die aktuelle Situation eine große Herausforderung für den Fairen Handel ist und kommende Schritte genau bedacht werden sollten.

Das Interview mit Christopher Bacon können Sie auf der Internetseite von onda-info nachlesen und nachhören. Bacon ist Autor der Studie “Kostenanalyse und Preisvorschlag zur Unterstützung der Kaffeeproduktion, der Kaffee anbauenden Familien und der von Fairtrade zertifizierten Organisationen in Lateinamerika“.

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  • […] durchschnittlich 5 US-Cents auf 125 US-Cents pro Pfund erhöht – doch reicht das heute noch aus? “Fairer Handel Aktuell” zitiert Agrarökologe Christopher Bacon, der in einem Interview fordert, der Fairtrade-Mindestpreis müsse erhöht werden, da die […]

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