Was ist Fair Trade / Fairer Handel?

Feb 29, 2012 by     1 Comment    Posted under: Fairer Handel Allgemein

In den Medien kommt es immer wieder zu falschen Darstellungen des Fairen Handels, weil Fairtrade mit Fair Trade gleichgesetzt wird. Dabei ist Fair Trade lediglich die englische Übersetzung des Begriffs Fairer Handel.
Dagegen bezieht sich Fairtrade auf das Fairtrade-Siegel und die damit verbundenen Fairtrade-Standards. Diese Standards unterscheiden sich aber von den Standards der eigentlichen Fair-Handels-Unternehmen wie Gepa oder El Puente. (siehe weiter unten: Fair Trade/Fairer Handel vs. Fairtrade)

Fairer Handel: Definition und Standards

Der Faire Handel unterstützt in erster Linie Kleinbauern in den Entwicklungsländern, die nur wenig von der Produktion ihrer Produkte profitieren. Aufgrund der kleinen Produktionsmengen sowie der fehlenden Infrastruktur zum Vertrieb ihrer Produkte, können sie ihre Produkte nicht direkt an die Importeure verkaufen und am internationalen Handel partizipieren.
Die Kleinbauern sind daher auf Zwischenhändler angewiesen, die ihnen ihre Produkte abkaufen und sie mit Information versorgen. Daraus folgt, dass einerseits die Zwischenhändler ihre Preise zu ihrem eigenen Vorteil gestalten können, andererseits werden die Produzenten nur unzureichend mit Informationen hinsichtlich Marktpreis und Qualitätsanforderungen versorgt.
Im Fairen Handel erfolgt der Export in die Industrieländer dagegen direkt und der Zwischenhandel wird weitgehend ausgeschaltet. Außerdem stärken die Produzenten (in erster Linie Kleinbauern) ihre Position, indem sie sich zu Kooperativen zusammenschließen.

Definition des Fairen Handels

Die vier internationalen Dachorganisationen des Fairen Handels (FLO, WFTO, NEWS!(2008 aufgelöst) und FINE) haben sich 2001 auf folgende Definition geeinigt:

Fairer Handel ist…

… eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte Produzent/innen und Arbeiter/innen – insbesondere in den Ländern des Südens – leistet der Faire Handel einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung.” FINE-Grundlagenpapier zum Fairen Handel, 2001

Prinzipien und Standards

Die Bedingungen, unter denen der Fairer Handel zwischen den Organisationen und Unternehmen stattfindet, können variieren, unterliegen aber gemeinsamen Prinzipien. Diese Prinzipien können aber ebenfalls unterschiedlich interpretiert werden.
Grundsätzlich können die Prinzipien folgenden drei Dimensionen zugeordnet werden:

  • Ökologie: Erhaltung von Natur und Ökosystemen für nachfolgende Generationen.
  • Ökonomie: Verantwortungsvoller Umgang mit ökonomischen Ressourcen und mit dem Ziel der Wohlstandsvermehrung.
  • Soziales: Entwicklung einer Gesellschaft, an der alle Menschen in gleichem Maße partizipieren.

Als Gesamtkonzept beinhalten diese Prinzipien wiederum folgende Bestandteile:

  • Preis: Es wird ein Mindestpreis für die zu abnehmenden Produkte sowie ein “Fair-Trade-Aufschlag” gezahlt. Dies gilt primär für landwirtschaftliche Produkte, die eine geringe Preiselastizität auszeichnet. Die Preise orientieren sich an den realen Lebenserhaltungskosten der Produzenten und nicht an den gesetzlichen Mindestlöhnen der Länder. Sie werden von der Kooperation FINE, dem Zusammenschluss der Dachverbände Fair Trade Labelling Organisation (FLO), International Fairtrade Association (IFTA), Network of European Worldshops (NEWS!) und European Fair Trade Association (EFTA), festgelegt.
    Über die Verwendung des Erlöses entscheiden die Mitglieder der Kooperativen oder Organisationen gemeinsam. Er soll in die Sicherung und Verwirklichung gemeinschaftlicher Projekte fließen. Neben Projekten, die die Verbesserung der Produktion betreffen, handelt es sich um Projekte zur Vebesserung der Lebensbedingungen der Produzenten, wie beispielsweise dem Bau von Schulen.
  • Finanzierung: Die Produzenten bekommen einen Teil des Kaufpreises im Voraus ausgezahlt. Damit erhalten sie die notwendigen finanziellen Mittel, um beispielsweise Rohstoffe und Saatgut zu kaufen oder Produktionsanlagen zu nutzen. Die Produzenten sind nicht auf lokale Kreditverleiher angewiesen, die oftmals überzogene Zinsen verlangen.
  • Handelsbeziehungen: Die Handelsbeziehungen sind auf eine langfristige Zusammenarbeit angelegt. Der Handel findet direkt zwischen den Parteien in den Enwicklungs- und Industrieländern statt; der Zwischenhandel wird weitgehend ausgeschaltet. Dadurch wird den Produzenten ermöglicht, ihre Produktion sowie den Vertrieb ihrer Produkte, das heißt ihre Wirtschaftlichkeit, zu planen.
    In diesem Zusammenhang spielt der Zusammenschluss der Produzenten zu Kooperationen bzw. Genossenschaften eine wichtige Rolle. Denn durch die Nutzung einer gemeinsamen Infrastruktur für Produktion und Vertrieb, werden die Kosten gesenkt und die Erlöse erhöht.
  • Arbeitsbedingungen: Die international festgelegten Menschenrechte sind die Grundlage für die Gestaltung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Kernarbeitsnormen sind Bestandteil der ILO-Standards. Wichtige Aspekte sind hierbei:
    Das Recht auf Versammlungsfreiheit.
    – Das Recht zur kollektiven Verhandlungsführung.
    – Der Verbot von Zwangsarbeit und Kinderarbeit.
    – Der Verbot von Diskriminierung.
    Weitere Aspekte sind die Föderung der Gleichstellung sowie Unabhängigkeit von Frauen, Aus-, Fort- und Weiterbildungsprogramme sowie bestimmte Sozialleistungen wie Gesundheitsvorsorge.
  • Umwelt: Der Faire Handel fordert und fördert eine ökologisch verträgliche Produktion. Dies geschieht, indem verbindliche Standards festgelegt werden, die die Produktions- und Anbaumethoden betreffen und die die Produzenten erfüllen bzw. anstreben müssen. Die Produzente werden bei der Umstellung von den Fair-Handelsorganisationen mit praktischen und theoretischen Hilfestellungen unterstützt.
    Maßnahmen, die die Umstellung betreffen sind:
    Eine umweltgerechte Abwasserversorgung.
    – Die Umstellung der Schädlingsbekämpfung auf ökologische Methoden.
    – Die Vermeidung von Monokulturen.
    – Außerdem werden produktspezifische Standards festgelegt.

Die Dreidimensionalität des Fairen Handels entspricht dem Konzept von nachhaltiger Entwicklung, wie sie in der Präamble zum EU-Vertrag enthalten ist.

Bereits auf der “United Nations Conference on Environment and Development (UNCED)”, hat sich die Völkergemeischaft zum Leibild nachhaltiger Entwicklung bekannt.

Fair Trade/Fairer Handel vs. Fairtrade

Alle Fair-Handels-Produkte stammen von ProduzentInnen und ArbeiterInnen, die sich den Fair-Handels-Grundsätzen verpflichten. Doch in der sich anschließenden Lieferkette werden sie auf zwei verschiedenen Wegen gehandelt und vermarktet:

  • – Die integrierte Lieferkette: Die Produkte werden von 100% fair handelnden Organisationen, WFTO-Mitgliedern und anerkannten Lieferanten des Weltladen-Dachverbandes importiert bzw. vertrieben. Bei ihrer Mission und ihren Aktivitäten geht es hauptsächlich um Fairen Handel, den sie als Mittel zur Entwicklung nutzen, um benachteiligte ProduzentInnen zu unterstützen und Armut zu bekämpfen. Beispiele für solche Importeure sind Gepa, El-Puente und DWP.– Die Fairtrade-Produktzertifizierung: Die Produkte werden von beliebigen Unternehmen importiert und vertrieben (vor allem von mittleren konventionellen Unternehmen u. Multis). Es müssen lediglich die Fairtrade-Kriterien für das entsprechende Produkt eingehalten werden. Das Fairtrade-Siegel wird durch TransFair e.V. gegen Lizenzgebühr an Produktgruppen, die nach den FLO-Standards gehandelt und produziert werden, vergeben.

 

Kaffee-Säcke

Säcke mit Bio-Rohkaffee des Café Libertad Kollektivs.

Fairer Handel: Organisation und Organe

  • Der Faire Handel gliedert sich zunächst in die Akteure des Nordens (der Industrieländer, vor allem im europäischen Raum) und die Akteure des Südens (Produzenten). In den Industrieländern handelt es sich um eine Vielzahl von Importorganisationen und Initiativen, in den Entwicklungsländern haben sich die Produzenten zum Teil zu Kooperativen zusammengeschlossen.
  • Die drei größten Fair-Handelsorganisationen in Deutschland sind die GEPA (gegründet 1975), El Puente und Dritte-Welt-Partner (dwp). Sie importieren die Produkte aus Afrika, Lateinamerika und Asien, kümmern sich um den Vertrieb und gegebenenfalls um die Verarbeitung.
  • TransFair e.V. (gegründet 1992) ist eine Siegel-Organisation und vergibt das Fair-Trade-Siegel (früher TransFair-Siegel) gegen Lizenzgebühr an Produktgruppen, die nach den FLO-Standards gehandelt und produziert werden.
    Die Mitglieder von TransFair e.V.  sind vorwiegend zivilgesellschaftliche aber auch kirchliche Organisationen und Initiativen (z.B. Brot für die Welt, MISEREOR, Friedrich-Ebert-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Verbraucher- und Umweltorganisationen).
  • Die FLO (Fair Trade Labelling Organization) ist eine übergeordnete Dachorganisation, die sich mit der Erarbeitung der Fair Trade Standards sowie deren Kontrolle beschäftigt. Sie unterteilt sich einerseits in die FLO international, die die Produktstandards festlegt und kommuniziert, und die Zertifizierungsorganisation Flo.cert.
    Die FLO vereint gegenwärtig 19 Label-Initiativen aus 24 Ländern sowie 3 regionale Produzentenorganisationen als Vertreter von Kleinfarmern und Arbeitern in Afrika, Südamerika und Asien (“Coordina-dora Latinoameriacana y del Caribe de Concercio Justo” ((CLAC) aus Lateinamerika, “African Fair Trade Network” (AFN) aus Afrika und “Network of Asian Producers” (NAP) aus Asien) sowie externe Experten. Die FLO koordiniert die verschiedenen Zertifizierungsinitiativen.
  • Fair-Trade-Siegel: Die FLO hat eine Vereinheitlichung der Siegel erreicht, so dass seit Februar 2003 das weltweit einheitliche “Fair-Trade-Logo” existiert. Es wird an Handelsunternehmen, Importeure und Lebensmittelhersteller vergeben.  Über die Zertifizierung entscheidet ein Zertifizierungskomitee, das sich aus Vertretern der Produzenten, Labelling-Initiativen und externen Experten zusammensetzt. Bei erfolgreicher Zertifizierung muss eine Gebühr für die Lizenz gezahlt werden.
  • Lizenzgebühr: Seit 2004 entrichten die Mitglieder des FLO Board eine Gebühr, die bei Aufnahme und dann jährlich in Form einer Verlängerungsgebühr entrichtet wird. Dazu kommt eine jährliche Gebühr, die von der Menge der fair gehandelten Produkte abhängt, die auf dem jeweiligen nationalen Markt abgesetzt wurden.
    Mit dieser Gebühr finanzieren sich die FLO sowie Transfair e.V. Im Gegenzug ermächtigt der Lizenzvertrag die Unternehmen, ihre Produkte mit dem Fair-Trade-Siegel zu kennzeichnen. Die Kontrolle der Produzentengruppen erfolgt einmal jährlich durch Mitarbeiter der FLO oder Berater in den jeweiligen Ländern.
  • WFTO (World Fair Trade Organization): Bei der WFTO handelt es sich um einen Zusammenschluss der Fair-Handelsorganisationen weltweit. Ursprünglich wurde sie als “International Federation of Alternative Trade” (IFAT) im Jahr 1989 gegründet. Ihre Mitglieder setzen sich aus Unternehmen und Organisationen der gesamten Fair-Trade-Handelskette zusammen, das heißt aus Import, Export, Produktion, Marketing und Verkauf. Im Jahr 2011 hatte die WFTO 450 Mitglieder.
    Die WFTO verfügt über ein eigenes Kontrollsystem. Somit können auch Produzenten und Unternehmen Produkte anbieten, die noch keine Lizenzverträge mit der FLO haben. Außerdem stellt die WFTO eine Kommunikationsplattform zum Austausch von Erfahrungen und Informationen bereit.
  • EFTA (European Fair Trade Association): Die EFTA ist ein Zusammenschluss von aktuell zehn Importorganisationen auf europäischer Ebene.
  • Der Vertrieb von Fair Trade Produkten erfolgt über so genannte (Dritte-)Weltläden, Bio- und Feinkostläden sowie zunehmend über den Einzelhandel.
  • Weltladen Dachverband: Dachverband der (Dritte-)Weltläden mit Sitz in Mainz. Der Weltladendachverband koordiniert und vertritt aktuell etwa 800 Weltläden. Die Mitgliedschaft ist optional. Die Weltläden entrichten eine Gebühr, die sich an ihrem Umsatz orientiert. In anderen europäischen Ländern gibt es ebensolche Organisationen, wie etwa die claro Fair Trade AG in der Schweiz.
  • NEWS! (Network of European Worldshops): Seit 1994 der Dachverband für Weltläden auf europäischer Ebene.
  • FINE: Gesamtorganisation der vier Verbände FLO,  IFAT,  NEWS! und  EFTA mit unterschiedlichen Zielen. Die FLO möchte den Verkauf von Fair Trade Produkten im konventionellen Handel fördern, während FLO,  IFAT,  NEWS! daran arbeiten, die Effizienz von Fair-Trade-Organisationen zu verbessern. Außerdem strebt die FINE eine Standardisierung der Kriterien für die Auswahl der Produzenten und die Umsetzung des Konzeptes des Fairen Handels an.
  • FTF (Fair Trade Federation): Zusammenschluss aus Produzenten, Groß- und Einzelhändlern in Nordamerika.
  • FTA (Fair Trade Association): Organisation aus Großhändlern und Importeuren.

 

Quelle und Literaturhinweis: Hauff, Michael von; Claus, Katja: Fair Trade. Ein Konzept nachhaltigen Handels. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2012.

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  • Es findet Momentan – zum Glück – ein Umdenken in der Gesellschaft statt und hoffe dies ist nicht nur ein Trenddenken. Themen wie Mindestlohn, bezahlter Urlaub sowie Gesundheit am Arbeitsplatz sollten eigentlich Standart sein. Eine Auflistung und Erläuterung der verschiedenen Fair-Trade Organisationen habe ich mir schon lange gewünscht um mal einen genaueren Einblick darüber zu haben.
    Meiner Meinung nach ist einer der wichtigsten Punkte bei FairTrade die Unterstützung der Kleinbauern über Zwischenhändler. So haben teils verarmte Landstrukturen die Möglichkeit etwas in der Zukunft aufzubauen.

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