Das Ende des “Fairtrade-Abendlandes”?

Dieter Overath hat TransFair e.V. aufgebaut und steht seit mehr als 20 Jahren an der Spitze der gemeinnützigen Organisation. Er ist eine wichtige Persönlichkeit, die den Fairen Handel in Deutschland seit der Einführung des Fairtrade-Siegels maßgeblich geprägt hat. Als ich die Gelegenheit bekommen habe, mit ihm persönlich zu sprechen, bin ich sofort nach Köln gefahren. Besonders interessiert hat mich seine Sicht der Dinge zu der Glaubwürdigkeitsdebatte des Fairtrade-Siegels, die von den traditionellen Fairhandels-Akteuren geführt wird. Denn diese äußern sich schon seit Jahren kritisch darüber, dass TransFair mit multinationalen Konzernen und Discountern verhandelt.

Fairerhandel-aktuell: „Herr Overath, wie stehen Sie zu dieser Debatte?“

Dieter Overath: „Nachdem ich den ersten Lizenzvertrag mit Darboven abgeschlossen hatte, sah man bereits den Untergang des Abendlandes im Fairtrade-Bereich kommen. Es hieß, Darboven mache als Markenartikler alle platt und Darboven sei nicht committed, denn ein Fairtrade-Akteur müsse zu 100% Fairtrade sein. Allerdings fiel die Entscheidung Markenartikler und Discounter mit ins Boot zu nehmen, nicht zu diesem Zeitpunkt, sondern schon vor 22 Jahren mit der Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Kleinbauernkaffee e.V.“ (analog zu Max Havelaar Holland). Ziel dieser Arbeitsgemeinschaft, aus der TransFair hervorgegangen ist, war es, ein offenes Lizensierungssystem für kommerzielle Firmen zu schaffen. Das heißt, wenn kommerzielle Firmen bereit waren Mindestpreise, Kontrolle und andere Standards einzuhalten, dann sollten sie die Möglichkeit bekommen, ihre Produkte mit dem Fairtrade-Siegel zu zertifizieren. Der Umstand vor 22 Jahren war allerdings, dass sich Lidl, Tchibo oder Nestle nicht für Fairtrade interessiert haben. Aber Fairtrade wurde gegründet, um eben auch mit multinationalen Konzernen Handel zu betreiben. Das haben die Gründungsmitglieder* gemeinsam beschlossen. Ich mache im Prinzip das, wofür ich vor 21 Jahren eingestellt worden bin und nicht, weil ich Lust habe, mit Lidl und Co. zu verhandeln.  Und das Siegel ist ein internationales Fairtrade-Siegel, das zu 50% den Produzenten gehört und es ist in ihrem Interesse, dass möglichst viele Produkte über Fairtrade abgesetzt werden. Das bestätigt auch unsere Wirkungsstudie, die wir im letzten Jahr sehr umfangreich durchgeführt haben. Sie zeigt, dass die Wirkung von Fairtrade erst anfängt, wenn 30-50% der Ernte eines Produzenten nach Fairtrade-Kriterien gehandelt werden. Die Weltläden sind eine tolle Truppe, haben ihr Volumen aber ausgeschöpft. Signifikante Umsätze mit Fairtrade machen dagegen Rewe, Lidl, Tchibo etc. In anderen Ländern, wie England beispielsweise, ist es selbstverständlich, dass auch der kommerzielle Einzelhandel in den Fairen Handel mit einbezogen wird. Dort werde ich dafür beglückwünscht, dass ich es geschafft habe, die Discounter für den Fairen Handel zu öffnen. In Deutschland gibt es dagegen eine „Glaubensdebatte“. Ein Siegelsystem ist aber etwas anderes als beispielsweise eine Gepa, die nach eigenen Richtlinien für sich entscheiden kann. Meine Aufgabenstellung ist es, möglichst große Mengen über den Fairen Handel abzusetzen und das ist auch so mit den Produzenten vereinbart. Ich mache das auch in ihrem Namen. Eine philosophische Debatte hilft den Produzenten nicht weiter.
Lidl hat mittlerweile 25 Fairtrade-Produkte im Sortiment. Mittlerweile kaufen 300.000-400.000 Menschen wöchentlich Fairtrade-Produkte bei Lidl, die sie vorher wahrscheinlich nicht gekauft haben.

Fairerhandel-aktuell: „Weitere Kritik gibt es bezüglich Emissionen bei Flugwaren, wie beispielsweise Faitrade-Blumen. Was entgegnen Sie in diesem Fall den Kritikern?“

Dieter Overath: „Deutschland ist Exportnation und wir leben von dem Wohlstand, den wir durch den Export unserer Produkte erzielen. Gerade im Fall der Fairtrade-Blumen aus Kenya ist es so, dass diese Blumen zwar direkt aus Nairobi mit dem Flugzeug eingeflogen werden, aber der Grund, warum das Flugzeug diese Route fliegt, ist eigentlich ein anderer. Der Lufthansajet fliegt nur deswegen diese Strecke, weil er für BMW Autoteile nach Südafrika bringt. Er fliegt also nach Kapstadt und würde unter normalen Umständen leer zurück nach Frankfurt fliegen. Jetzt macht er einen Zwischenstopp in Nairobi und fliegt mit den Fairtrade-Rosen nach Deutschland zurück. Wie soll sich Afrika entwickeln, wenn jedes Produkt, das aus Afrika kommt, mit einem Klimaverdacht belegt wird und wir ganz selbstverständlich unsere Produkte in die ganze Welt exportieren?
Außerdem entstehen die meisten Emissionen in der Produktion und nicht im Transport. Bekannterweise verursachen konventionelle Rosen aus Holland dreimal so viel Emissionen wie Fairtrade-Rosen aus Kenya – und zwar hauptsächlich durch die Produktion. Das wissen wir deswegen so genau, weil wir derzeit einen neuen Klimastandard entwickeln.“

Fairerhandel-aktuell: „Neben dem Klimastandard entwickelt TransFair derzeit einen neuen Standard für den Rohstoff Kakao und Zucker in zusammengesetzten Produkten. Worum geht es dabei?“

Dieter Overath: „Derzeit werden kaum nennenswerte Mengen von Kakao und Zucker über den Fairtrade-Markt abgesetzt. Allerdings haben wir vor allem an der Elfenbeinküste und Ghana viele Kakaoproduzenten mit hohem Investitionsaufwand zertifiziert, die bisher kaum Kakao über den Fairtrade-Markt verkaufen konnten. Es geht bei dem neuen Standard also um zusammengesetzte Kakao-Produkte, wie Schokolade oder Kekse, die bisher nur dann mit dem Fairtrade-Siegel zertifiziert werden konnten, wenn möglichst alle Zutaten, die zertifiziert werden können auch zertifiziert sind. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass wir mit diesem Vorgehen kaum weiterkommen, denn wir haben keine nennenswerten Akteure, der entsprechende Mengen an Fairtrade-Kakao abnehmen. Daher haben wir uns Gedanken darüber gemacht, mit welchem Konzept wir den zertifizierten Kakaoproduzenten, die sich in Regionen befinden, wo die dramatischsten Anbau- und Arbeitsbedingungen herrschen, helfen können. Nach Verhandlungen mit den Produzenten sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir bei Kakao ein Ingredient-Konzept haben möchten, um in diesem Sektor signifikante Umsätze generieren zu können. Das heißt, mit einem entsprechenden Siegel (wie etwa bei „Certified Cotton“) sollen Produkte mit zertifiziertem Kakao – wie Schokolade und Kekse – mit Fairtrade zertifziert werden können. Die Kakao-Standards bleiben dabei so wie sie sind.”

Fairerhandel-aktuell: „Herr Overath, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!“

Anna Lefik und Dieter Overath

Anna Lefik (Fairerhandel-aktuell) und Dieter Overath (Geschäftsführer TransFair e.V.)

 

*Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V., DGB Bildungswerk e.V., Die Verbraucher Initiative e.V., Christliche Initiative Romero e.V., Aktion Dritte Welt Handel, Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt Läden e.V., Quäker-Hilfe e.V., Kirchlicher Entwicklungsdienst, Aktion Arme Welt, Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Frente de Cafetaleros Solidarios de América Latina und Wirtschaftsstelle Evangelischer Missionsgesellschaft.

2 Kommentare + Kommentar hinzufügen

Beitrag kommentieren:

XHTML: Sie können folgende Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>