“Fair Trade ist noch kein perfektes System…”

Am vergangenen Freitag habe ich den Vortrag zum Buch “Fair einkaufen – aber wie?” in Oestich-Winkel besucht und bei dieser Gelegenheit mit dem Autor Frank Herrmann gesprochen. Frank Herrmann hält den Vortrag im Rahmen seiner Fairen Biketour in mehreren Städten in ganz Deutschland.

Frank Herrmann hat mehrere Jahre als Berater für u.a. den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Zentral- und Südamerika gearbeitet. Außerdem ist er Fachmann für Fairen Handel:

Fairer Handel Aktuell: Frank, du kennst die Situation auf verschiedenen Fair Trade und Bio-Plantagen in Lateinamerika aus persönlicher Erfahrung. Was kannst du darüber berichten?

Frank Herrmann: Ich habe aus eigenem Interesse und im Vorfeld für die Recherche zum Buch Reisen zu verschiedenen Fair Trade und Bio-Plantagen in Lateinamerika unternommen. Beispielsweise habe ich das Projekt von Ritter Sport in Nicaragua besucht. Das ist ein durchaus überzeugendes Projekt, zumindest was die Bio-Kakao-Produktion anbetrifft. Allerdings hat Ritter Sport in den letzten Jahren damit begonnen, eigene Kakaoplantagen aufzuziehen. Daher bleibt abzuwarten, ob das Unternehmen auch in Zukunft Kakao von den Kleinbauern bezieht und wenn ja zu welchen Konditionen. Zumindest was die benötigten Mengen anbetrifft, wird Ritter Sport eine gewisse Menge Kakao von den Kleinbauern weiterhin benötigen. Ritter Sport hat extra eine Verarbeitungsstätte für Kakao mit Labor aufgebaut. Dort gibt es sogar Übernachtungsmöglichkeiten für die Bauern, wenn sie den Kakao für die Verabreitung abliefern.

Dann habe ich Banafair in Ecuador besucht und mir die Bananenproduktion angesehen. Banafair macht schon gute Arbeit. Es ist noch nicht alles perfekt, aber im Vergleich zu anderen Bananenplantagen sind es Welten. So führt Banafair als einzige Organisation einen Gewerksschaftsbeitrag ab, um die Gewerkschaften zu stärken. Das macht Fairtrade beispielsweise nicht. Das ist noch ein extra Bonus zum fairen Preis und zur Fair Trade-Prämie, der sich natürlich im Endpreis niederschlägt.

Fairer Handel Aktuell: Mittlerweile haben viele Großunternehmen und Konzerne einzelne Produkte mit dem Fairtrade-Siegel zertifizieren lassen. Was denkst du darüber?

Frank Herrmann: Einerseits könnte man sagen, dass es besser ist als nichts. Anderseits kann es eine Strategie sein, um weniger faire Aktivitäten zu verstecken. Grundsätzlich finde ich die Zertifizierung mit Nachhaltigkeitssiegeln wie Utz oder Rainforest Alliance schlechter, weil die Standards niedriger sind. Allerdings denke ich mir selbst dabei, dass solche Firmen gewissen Standards einhalten und entsprechen vieles verändern müssen. Es ist immer noch besser, als würden sie gar nichts machen, beziehungsweise sind sie auf dem richten Weg.

Fairer Handel Aktuell: Es gab vor allem im vergangenen Jahr einige Negativpresse zum Fairen Handel. Bist du damit auch konfrontiert worden?

Frank Herrmann: Ja, ich wurde nach meinen Vorträgen darauf angesprochen. Das Problem ist, dass man bei Fair und Bio immer genauer hinschaut als bei konventionellen Produkten. Und man möchte als Verbraucher nicht getäuscht werden. Wenn es dann einen kleinen Skandal bei fairen oder ökologischen Unternehmen gibt, wirkt er sich viel stärker aus als bei konventionellen Unternehmen. Die Reaktion ist mit Sicherheit überzogen, allerdings ist Fair Trade noch kein perfektes System, das bereits eine endgültige Lösung bietet. Die Akteure des Fairen Handels machen noch ihre Erfahrungen und müssen kontinuierlich dazulernen. Ich will sie auch nicht in Schutz nehmen. Ich bin auch nicht mit allem was beispielsweise Fairtrade macht einverstanden. Zum Beispiel mit dem Kakao-Programm. Aber die Akteure des Fairen Handels haben einiges aufgebaut, wovor man Respekt haben sollte.

Fairer Handel Aktuell: Was das Kakao- oder auch Zucker- und Baumwollprojekt anbetrifft, ist die offzielle Erklärung von Fairtrade, dass viel mehr Rohstoffe fairtrade angebaut werden, als abgesetzt werden können. Deswegen hätten sie den Anteil an Fairtrade-Produkten in Mischprodukten herabgesetzt.

Frank Herrmann: Wenn es weichere und härtere Standards gibt, werden die Siegel mit den härteren Standards stärker wahrgenommen. Und da denkt Fairtrade eventuell, dass sie an den Rand gedrängt werden. Schließlich lassen die großen Fairhandelsunternehmen wie etwa die Gepa ihre Produkte nicht mehr fairtrade zertifizieren und haben eigene Standards. Vielleicht ist die Ausweitung der Fairtrade-Siegel daher auch ein Vorgehen, um auf dem Markt präsent zu bleiben und nicht von anderen Siegeln an den Rand gedrängt zu werden. Beispielsweise wird Rainforest Alliance von Kunden als Konkorruent gesehen, obwohl es ein Nachhaltigkeitssiegel ist. Aber die Konsumenten differenzierten nicht so stark.

Fairer Handel Aktuell: Dein Buch “Fair einkaufen – aber wie?”  erscheint im Herbst in der fünften Auflage. Wie war die Resonanz bisher?

Frank Herrmann: In den Kreisen, die den Fairen Handel kennen, war die Resonanz bisher gut. Leider kaufen aber Leute, die den Fairen Handel nicht kennen, das Buch selten. Es müsste viel mehr von Stiftungen oder öffentlichen Trägern gekauft und verteilt werden, damit es mehr unter die Leute kommt.
Das Gleiche beobachte ich bei meinen Vorträgen. Es kommen hauptsächlich Leute zu meinen Vorträgen, die sich bereits mit dem Fairen Handel auseinandergesetzt haben. Mehr Leute kommen nur, wenn ihnen mehr geboten wird. Das habe ich im Rahmen einer großen Veranstaltung mit Modenschau und einer anschließenden Verköstigung erlebt. Für viele Menschen sind solche Vorträge zu belastend, weil man mit seiner eigenen Realtität konfrontiert wird und womöglich ein schlechtes Gewissen bekommt.

Fairer Handel Aktuell: Lieber Frank, vielen Dank für das Gespräch!

Frank Herrmann auf fairer Biketour

 

Homepage: www.frank-herrmann.ws
Blog 1: www.faireinkaufenaberwie.blogspot.de
Blog 2: www.faire-biketour.blogspot.de

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