In Entwicklung investieren, anstatt nur spenden

Sep 11, 2015 by     No Comments    Posted under: Fairer Handel Aktuelles, Faires Geld
Ulrike Chini, Geschäftsführerin des Oikocredit Westdeutschen Förderkreises

Ulrike Chini, Geschäftsführerin des Oikocredit Westdeutschen Förderkreises

Oikocredit ist eine international tätige Genossenschaft. Ziel von Oikocredit ist die Entwicklungsförderung durch Kreditvergabe an Mikrofinanzinstitutionen, Genossenschaften und kleine Unternehmen benachteiligter Menschen in Entwicklungsländern.  Auf der Messe Fair Trade & Friends hatte ich die Gelegenheit mit Ulrike Chini, Geschäftsführerin des Oikocredit Westdeutschen Förderkreises, zu sprechen.

Fairer Handel Aktuell:
Frau Chini, wie sind Sie zu Oikocredit gekommen?

Ulrike Chini:
Ich war früher Lehrerin und habe mich schon damals mit ethischen Geldanlagen beschäftigt. Das Thema befindet sich an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Ethik, Philosophie und Religion und tangiert viele Lebensbereiche – das macht es eben so interessant. Glücklicherweise hat sich die Gelegenheit ergeben, dort mit einzusteigen.

Fairer Handel Aktuell:
Es gibt Kooperationen von Oikocredit mit dem Fairen Handel. Fairtrade ist Partner von Oikocredit. Wie sehen diese Kooperationen und Partnerschaften aus?

Ulrike Chini:
Einerseits gibt es Kooperationen mit Fairhandelsorganisationen, andererseits mit den Produzenten selbst. Die Produzenten handeln vor allem mit Kaffee, aber auch mit Kakao, Quinoa, Nüssen, Gewürzen und dergleichen. Insgesamt verkaufen 89 unserer Partner ihre Produkte über den Fairen Handel. Sie können sich direkt lokal an eines der 36 Regionalbüros von Oikocredit wenden. Die Regionalbüros vor Ort vermitteln dann die Kredite.

Fairer Handel Aktuell:
Welche Voraussetzungen müssen die Kreditnehmer mitbringen?

Ulrike Chini:
Oikocredit macht im Vorfeld eine sehr ausführliche ESG-Analyse. ESG steht für Environment – Social – Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Die Analyse umfasst einen ausführlichen Fragenkatalog und ein Punktesystem. Es wird beispielsweise abgefragt, wie stark die Frauenbeteiligung ist und was es für Umwelt- und Sozialstandards gibt. Antragsteller, die bei den Fragen eine hohe Punktezahl erreichen, erfüllen die Anforderungen sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht. Mit denjenigen, die schlechter abschneiden, müssen wir entsprechend noch arbeiten, damit sie ihre Umweltstandards verbessern, Frauen stärker beteiligen oder sich stärker im Bereich Soziales engagieren. Und Antragsteller, die keine Umwelt- oder Sozialstandards erfüllen, die bekommen eben kein Darlehen.
Grundsätzlich kann man aber sagen, dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen ausschlaggebend sind. Man kann Kredite nicht an Unternehmen vergeben, die das Geld nicht zurückzahlen können.

Unsere Partner sind aber nicht auf sich allein gestellt, sondern wir bieten – wenn die Notwendigkeit besteht – Programme zu Capacity Building an. Bei diesen Programmen stehen die Stärkung des Managements, Wirtschaftlichkeit, Vermarktung, Produktqualität etc. im Fokus. So kann es vorkommen, dass Oikocredit zunächst zwei bis drei Jahre mit Organisationen arbeitet bis sie in die Lage versetzt werden, einen Kredit aufzunehmen.

Fairer Handel Aktuell:
Wie hoch ist die Rückzahlquote?

Ulrike Chini:
Bei den Mirkokreditnehmern liegt die Rückzahlquote bei fast 100 Prozent. Im letzten Jahr gab es eine Abschreibungsquote von nur 0,8 Prozent bei Oikocredit. Es hängt natürlich auch davon ab, ob es in den Ländern beispielsweise Naturkatastrophen gibt, aber von der Wirtschaftskrise waren wir beispielsweise gar nicht betroffen. Wir investieren an der Basis in Menschen und die zahlen auch in der Finanzkrise das Geld zurück.

Fairer Handel Aktuell:
Wenn Sie Ihre Geldanlageprodukte bewerben möchten, welche Vorteile stellen Sie dann heraus?

Ulrike Chini:
Es gibt ganz klare Motive für unsere Kunden. Zunächst wollen sie in Entwicklung investieren, das heißt sie möchten etwas für die globale Gerechtigkeit tun und wissen, was mit ihrem Geld passiert – ihrem Handeln liegt also die gleiche Denkweise zugrunde wie beim Fairen Handel. Und schließlich vertrauen unsere Kunden Oikocredit. Denn sie wissen, dass Oikocredit für sehr sichere Geldanlage steht. In 40 Jahren ist es noch nicht passiert, dass Kunden Geld verloren haben. Oikocredit hat ein sehr gutes Sicherheitsmanagement in Form von einerseits Rücklagenbildung und andererseits Lenkungsmöglichkeiten durch Diversifikation und sektorale Streuung. Hinzu kommt die intensive Begleitung durch die Mitarbeitenden in den regionalen Büros, die eingreifen können, wenn irgendwo ein Problem auftritt.

Weitere Argumente für Oikocredit sind Liquidität und Rendite. Die Anleger kommen jederzeit an ihr Geld und es gibt aktuell eine zweiprozentige Dividende.

Fairer Handel Aktuell:
Wie viele Anleger haben Sie in Deutschland?

Ulrike Chini:
Es gibt in Deutschland 23.000-24.000 Anleger und weltweit etwa 50.000. Das Portfolio liegt bei 800 Millionen Euro, wovon knapp die Hälfte aus Deutschland kommt. Die Entwicklung ist sehr stabil und positiv!

Fairer Handel Aktuell:
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ulrike Chini:
Ich denke, dass wir etwas bekannter sein könnten. Aber es ist schwierig, die Botschaft von der ethischen Geldanlage zu vermitteln. In Deutschland ist Entwicklung sehr stark mit Spenden verbunden. Dass man in die Entwicklung von ärmeren Ländern investieren kann und dabei sogar etwas zurück bekommt, ist für viele Menschen ein ganz neuer Gedanke.

Fairer Handel Aktuell:
Liebe Frau Chini, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch! Ich hoffe, dass ich durch meinen Beitrag Oikocredit etwas bekannter machen kann.

Weberin mit Solarlampe

Mit Oikocredit hat Thrive Solar den Bau von Solarlampen finanziert. Für viele Menschen, die keinen Stromanschluss haben, sind sie ein großer Gewinn!

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