“Der Faire Handel muss sich professionalisieren…”

Martin Müller, Geschäftsführer Weltladen Basis

Martin Müller, Geschäftsführer Weltladen Basis

Der Faire Handel steht am Scheideweg: Auf der einen Seite gibt es das Fairtrade-Siegel, das in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit mit dem Fairen Handel gleichgesetzt wird, auf der anderen Seite stehen die Weltläden, die für langjährige Kunden den “wahren” Fairen Handel repräsentieren. Wie wird die Zukunft des Fairen Handels aussehen? Ein Gespräch mit Martin Müller, Geschäftsführer Weltläden-Basis GmbH. (Weltläden-Basis GmbH ist ein Regionalverteiler für den Fairen Handel mit Sitz im Ruhrgebiet. Ihr Hauptpartner ist El Puente, einem der drei größten Fair Trade-Importeure Deutschlands.)

Fairer Handel Aktuell: Herr Müller, wie stehen Sie zum Fairtrade-Siegel?

Martin Müller: El Puente hat von Anfang an kein Produkt mit dem Fairtrade-Siegel ausgezeichnet. Ausnahmen bilden Städtekaffees. Es ist nicht so, dass nicht einige Produkte aus dem Lebensmittelbereich FLO (Fairtrade Labelling Organizations International) zertifiziert wären. Wir benutzen nur nicht das Fairtrade-Siegel. Denn unseres Erachtens wurde das Fairtrade-Siegel dazu entwickelt, Fair Trade Produkte in den Supermärkten von konventionellen Produkten zu unterscheiden. El Puente vertreibt die Produkte aber nur über Weltläden. Wir bemühen uns nicht darum im Lebensmitteleinzelhandel Fuß zu fassen.

Fairer Handel Aktuell: Im Gegensatz zu Gepa, die sich in der Vergangenheit darum bemüht hat, im konventionellen Einzelhandel gelistet zu werden.

WFTO-Siegel

Martin Müller: Genau, die Gepa ist diesen Weg gegangen und hat sich damit  bei einigen Akteuren der Fair Trade-Szene nicht gerade beliebter gemacht. Insbesondere wenn einige Supermarktketten Sonderangebotsaktionen mit Gepa-Produkten fahren und zum Teil den Einkaufspreis von Weltläden unterbieten.  El Puente ist diesen Weg bisher ganz bewußt nicht gegangen, da wir ausschließlich mit den Weltläden zusammenarbeiten möchten. Wir verstehen uns als Dienstleister und als Vermittler für die Fair Trade-Szene. Zur Abgrenzung nutzt El Puente stattdessen das WFTO-Siegel (World Fair Trade Organization). El Puente war der erste Importeur in Europa, der komplett über WFTO  zertifiziert wurde. Deswegen taucht dieses Siegel mittlerweile auf allen unseren Produkten auf.

Fairer Handel Aktuell: Das ist aber über die Fair Trade-Szene hinaus wohl wenig bekannt. Der konventionelle Konsument verbindet den Fairen Handel eher mit dem Fairtrade-Siegel, oder?

Martin Müller: Ja, denn wir haben das Problem, dass wir nicht über die finanziellen Mittel von TransFair verfügen, Werbung dafür zu machen. Aber das ist eben unser Modell. Ich vergleiche das Modell gerne mit der Bio-Szene. Vor 40 Jahren gab es die ersten Bioläden. Die waren so ähnlich wie Weltläden, haben sich aber weiterentwickelt. Sie haben sich kaufmännisch professionalisiert. Dieses Stadium haben wir im Fairen Handel auf der Ebene der Weltläden noch nicht flächendeckend erreicht.

In der Bio-Szene haben sich dann aber auch zwei Strömungen entwickelt. Da gibt es das Bio-Siegel, von dem die “richten Bioleute” sagen, das ist gar nicht Bio. Demgegenüber stehen Bio-Unternehmen wie Demeter und Naturland. Und auf dieser Schiene sehe ich uns – also die klassischen Anbieter wie Gepa, DWP und El Puente. Wir müssen praktisch die “Demeters” und “Naturlands” des Fairen Handels werden. Da ist unsere Nische. Uns ist auch klar, dass unsere Produkte immer eine Nische bleiben werden. Denn viele unserer Produzenten können gar nicht die Massen produzieren, die wir im konventionellen Handel bräuchten.

Fairer Handel Aktuell: Wie denken Sie darüber, dass das Fairtrade-Siegel so prominent ist und jedes Jahr starke Umsatzzuwächse vermeldet?

Martin Müller: Prinzipiell muss man sagen, dass das aus Sicht vieler Produzenten positiv ist, denn bestimmte Produkte kommen dadurch vermehrt in den Markt. Aber Fairtrade hat das Problem, dass sie nicht mehr nur mit Kleinbauern zusammenarbeiten, wie im klassischen Fairen Handel das der Fall ist. Das geht auch nicht anders, denn wenn Rewe in Deutschand Fairtrade-Bananen anbieten will, muss der Konzern mit Plantagen zusammenarbeiten. Denn so viele Kleinbauern, die Bananen anbauen, gibt es gar nicht auf der Welt. Und Geschäfte mit Plantagen sind eine idiologische Frage im Fairen Handel.

Trotzdem ist es aber so, dass auch El Puente in den vergangenen Jahren stetig Umsatzzuwächse erzielt hat, obwohl wir nur mit Weltläden zusammenarbeiten. Auch wir haben in den letzten Jahren jedes Jahr einen Umsatzzuwachs von 10 bis 12 Prozent gehabt. Für uns ist es in erster Linie wichtig zu 100 Prozent fair zu agieren. El Puente verkauft nur 100 Prozent faire Produkte. Allerdings müssen wir uns beglückwünschen, dass es mittlerweile fair gehandelte Produkte bei den Discountern gibt. Denn würden wir nicht seit 40 Jahren für den Fairen Handel trommeln, würde es das heute nicht geben.

Fairer Handel Aktuell: Es ist allerdings ziemlich ärgerlich, dass das Fairtrade-Siegel mit dem Fairen Handel in der öffentlichen Diskussion gleichgestellt wird.

Martin Müller: Wie die Konsumenten das sehen, das steht natürlich auf einem anderen Blatt. Was ich als Problem im klassischen Fairen Handel sehe, ist das viele Weltläden nicht professionell genug arbeiten. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sie wirklich zu Fachgeschäften des Fairen Handels werden. Gerade im Ruhrgebiet besteht noch viel Entwicklungspotential für Weltläden. Und solange wir den Schritt zur Professionalisierung des klassischen Fairen Handels nicht tun, werden wir die nächste Ebene nicht erreichen.

Wir erwarten, dass unsere Produzenten professionell arbeiten, aber selbst schaffen wir es an der Basis noch nicht. Das Problem ist also erkannt und jetzt geht es darum, wie wir die Weltläden noch mehr unterstützen können. Da arbeiten wir derzeit dran.

Fairer Handel Aktuell: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Müller. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren zukünftigen Vorhaben!

Fair Trade Produkte von El Puente

Copyright: El Puente

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