Ein Jahr Textilbündnis bringt Ernüchterung

Oct 21, 2015 by     No Comments    Posted under: Bangladesh, Fairer Handel Aktuelles, Kleidung

Als am 24. April 2013 die Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh aufgrund von Baumängeln einstürzte und 1127 Menschen begrub, war das Entsetzen groß. Schließlich haben dort viele bekannte Modeunternehmen wie H&M, C&A, Primark, s.Oliver, Zara und Esprit ihre Kollektionen unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren lassen. Schnell wurde der Ruf laut nach mehr Sozialverantwortung entlang der textilen Lieferkette. Als Antwort darauf entstand im Oktober 2014 das “Bündnis für Nachhaltige Textilien”.

Das “Bündnis für nachhaltige Textilien” wurde von Entwicklungsminister Gerd Müller initiiert.  Ziel des Bündnisses ist Schaffung von sozialen und ökologischen Standards entlang der gesamten Lieferkette von Textilien. Dieses Vorhaben stieß anfangs allerdings auf erhebliche Kritik bei vielen Vertretern der Modeindustrie. Es wurde als “unrealistisch” und “nicht realisierbar” bezeichnet. Ein Jahr später hat das Bündnis Fortschritte gemacht, aber hat es wirklich etwas erreicht?

Neuer Aktionsplan führt zu Beitrittswelle

Nach langer Diskussion sind im Juni dieses Jahres auch Verbände und Einzelhändler wie Aldi, Lidl, Rewe, Tchibo, H&M und Kik dem Textilbündnis beigetreten. Aber erst nachdem ein neuer Aktionsplan erstellt und die Bedingungen des Bündnisses weiter verwässert wurden. So wurde der konkrete Zeitplan gestrichen und auch die Liste der chemischen Substanzen, die aus der Textilproduktion verbannt werden sollten, gibt es nicht mehr. Mit den neuen Aktionsplan ist die Liste der Bündnismitglieder nun auf fast 150 angestiegen. Das klingt zunächst gut, wird aber von vielen Seiten kritisiert.

Kritik an Unverbindlichkeit des Bündnisses

Uwe Kekeritz von den Grünen und Entwicklungsexperte im Bundestag begrüßt die Beitrittswelle. Jedoch fürchtet er, dass das Textilbündnis zum “Verhandlungs-Bündnis” mutiert. Die Initiative müsse rasch konkrete Maßnahmen zur besseren Überwachung der textilen Lieferkette umsetzen. Außerdem sei es “bedauerlich, dass das Bündnis in Bezug auf toxische Inhaltsstoffe weiter aufgeweicht wurde. Das Bündnis darf sich nicht zu einer staatlich geförderten Plattform für Unternehmensinteressen werden.”

Der Modeverband Deutschland German Fashion prangert in seinem Rundbrief 4-2015 ebenfalls die Unverbindlichkeit des Bündnisses an. Man habe “alle problematischen Punkte aus dem Aktionsplan herausverhandeln” können, es gebe nun “keine Verbindlichkeit mehr”. Weil es außerdem gelungen sei, für alle Beschlüsse das Einstimmigkeitsprinzip zu verankern, könne nichts gegen die Interessen der Wirtschaft beschlossen werden. Wer mitmache, könne jedoch damit werben und würde sich quasi unter einen Schutzschirm der Bundesregierung begeben.

Andererseits bietet der neue Aktionsplan durchaus einen guten Ansatz. Dies betrifft besonders die Art und Weise, wie Bündnismitglieder verbindliche Ziele verfolgen und erreichen müssen und wie die Fortschritte dabei transparent überprüft werden. So soll nunmehr “die kontinuierliche Zielverfolgung […] in einem regelmäßigen Review-Prozess durch unabhängige Dritte gewährleistet” werden.

Zudem verpflichtet sich das Textilbündnis, “den Anschluss an europäische und internationale Initiativen und Institutionen zu verfolgen, um über nationale Grenzen hinweg für gleiche Wettbewerbsbedingungen und einen breiten Bündnisbeitritt” zu sorgen.

Positive Impulse erhofft

Die Clean Clothes Campaign (CCC) hält die Ziele des Aktionsplan zwar für anspruchsvoll, aber ebenfalls für nicht konkret genug. Allerdings hält CCC eine Beteiligung am Bündnis weiterhin für sinnvoll, weil es über (aktuell noch mangelhafte) gesetzliche Maßnahmen hinaus wichtige Impulse (wie z.B. die Zahlung existenzsichernde Löhne und die Betrachtung der gesamten Lieferkette anstatt nur der direkten Zulieferer) setzen könne.  Der Mehrwert eines Textilbündnisses bestehe zudem darin, dass  es verschiedene Akteure aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Ministerien zusammen bringt und ein verbindliches „Level Playing Field“ innerhalb einer Branche etabliert, das sich an hohen Zielvorgaben orientiert.

Das “Bündnis für nachhaltige Textilien” ist also weiterhin umstritten und es bleibt abzuwarten wie es sich entwickelt. Der Mehrwert des Textilbündnis wird sich erst ergeben, wenn es eindeutig messbare und von unabhängiger Stelle verifizierte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern gibt.

 

Quellen:

http://www.euractiv.de/sections/entwicklungspolitik/fairtrade-kleidung-grosse-modekonzerne-treten-textil-buendnis-bei
http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2015-06/textilbuendnis-mueller-mitglieder
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/textilbuendnis-feigenblattprojekt-1.2693534
http://www.saubere-kleidung.de/index.php/kampagnen-a-themen/csr-staatl-regulierung/516-1-jahr-textilbuendnis-warum-wir-dabei-sind

Näherinnen in Kambodscha

© Will Baxter / Christliche Initiative Romero (CIR) – Näherinnen in Kambodscha

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