“Kritik an Fairtrade ist zum Teil berechtigt…”

Jun 28, 2016 by     No Comments    Posted under: Fairer Handel Aktuelles

Klaus Kruse, Vorstand bei Ethiquable Deutschland eG, im Gespräch mit Fairer Handel Aktuell über Ziele und Herausforderungen des Fairen Handels sowie der Kritik an Fairtrade.

Fairer Handel Aktuell:

Wofür steht Ethiquable? Und wie grenzt ihr euch von anderen Fair-Handels-Unternehmen in Deutschland ab?

Klaus Kruse:

Der Name kommt aus dem Französischen: “Ethique Commerce equitable”, also ethischer fairer Handel. Ethisch heißt gutes und richtiges Verhalten und das ist für uns Programm. Für uns geht es um guten, aufrichtigen, verantwortlichen fairen Handel.
Das heißt konkret: Wir handeln nur mit organisierten Kleinbauerngenossenschaften, denn fairer Handel mit Plantagen hat keinen emanzipatorischen Anspruch. Darunter verstehen wir, dass die Menschen ihr Schicksal selbst lenken, sich demokratisch organisieren und sich auch gemeinsam wirtschaftlich weiterentwickeln können. Den demokratischen Anspruch im Wirtschaften schreiben wir bei uns selbst im Prinzip der Mitarbeitergenossenschaft fest.
Dies drückt sich auch in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern aus: Wir arbeiten mit ihnen an verschiedenen Projekten zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Genossenschaft. Das kann eine industrielle Zuckerfabrik sein, so wie bei unserem Partner der Genossenschaft Norandino oder eine landwirtschaftliche Beratung, wie sie ein Mitarbeiter von Ethiquable mit unseren Projektpartnern in Madagaskar durchführt. Diese emanzipatorische und entwicklungspolitische Perspektive findet man sonst im fairen Handel nicht.

Fairer Handel Aktuell:

Wie steht ihr zu der immer wiederkehrenden Kritik an Fairtrade?

Klaus Kruse:

Leider muss man sagen, dass Teile der Kritik aus unserer Sicht berechtigt sind. Mengenausgleich* hat nach unserer Auffassung im fairen Handel nichts zu suchen. Zudem werden Standards herabgesetzt (20% Regel) und Programme wie das Kakao/Zucker/Baumwollprogramm – eine Art Fairtrade light – grenzen nach unserer Auffassung schon an Verbrauchertäuschung, da für den Verbraucher der Unterschied  der beiden Siegel zumeist nicht klar ist. Fairtrade begibt sich nach unserer Auffassung ohne Not mit diesem Programm auf einen sehr gefährlichen Weg, denn es besteht die Gefahr, dass das beim Verbraucher durchaus vorhandene Vertrauen verspielt wird.
Andererseits muss man sagen, dass das Siegel in seiner Originalfassung weiterhin vertrauenswürdig und auch von den geforderten Standards in Ordnung ist. Zudem wäre der faire Handel ohne die Öffentlichkeitsarbeit von Fairtrade Deutschland weit weniger ein Thema in der Debatte um gerechtere Handelsbeziehungen.
Wir haben uns entschlossen, Fairtrade in seiner Ursprungsform weiterhin als ein vollwertiges Siegel des fairen Handels anzuerkennen, benutzen aber auch andere Siegel wir Ecocert Fair Trade und SPP (Símbolo de Pequeños Productores) . SPP ist das einzige unabhängige Siegel des fairen Handels, das den Kleinbauern selbst gehört.

Klaus Kruse bei SOFA in Sri Lanka

(Klaus Kruse (rechts) der der Kooperative SOFA in Sri Lanka.)

Fairer Handel Aktuell:

Wo steht Ethiquable jetzt und welche Ziele verfolgt Ethiquable mittel- und langfristig?

Klaus Kruse:

Ethiquable Deutschland ist es in den ersten 5 Jahren gelungen, sich in Deutschland als Fairhandelsmarke zu etablieren. Mit über 500 Verkaufspunkten und 8 Mitarbeitern sind wir zwar immer noch ein kleines Unternehmen, jedoch mit starken Wachstumsraten. Natürlich hat der Ausbau der Verkaufspunkte oberste Priorität. Daneben entwickeln wir mit unseren Partnergenossenschaften in Frankreich und Belgien  ständig neue Produkte, die das Angebot bereichern.
Mittelfristig haben wir uns vor allem vorgenommen, Verpackungen so ökologisch wie möglich zu gestalten. Das Ziel der bestmöglichen Nachhaltigkeit in der Herstellung der Produkte – nicht einfach, wenn man auf Lohnhersteller angewiesen ist – soll in den nächsten Jahren erreicht werden. Da steht bei uns vieles auf dem Prüfstand, denn das kollidiert manchmal mit dem Wunsch, die Wertschöpfung möglichst im Ursprungsland vorzunehmen.
Denn Letzteres ist eines der langfristigen Ziele: Möglichst viel Wertschöpfung in Hand unserer Partnergenossenschaften im Süden. Wir sind uns sicher, dass dies der richtige Weg ist, um eine Transformation im Handel mit den Menschen im Süden zu erreichen.

Fairer Handel Aktuell:

Was sind die größten Herausforderungen dabei?

Klaus Kruse:

Da weiß ich gar nicht so richtig, wo anzufangen. Das reicht von einer kundenfreundlichen und effizienten Abwicklung des Geschäftes und endet bei der nicht immer einfachen Beschaffung der Produkte bei unseren Produzentenpartnern. Und natürlich auch das Bestehen auf dem deutschen Markt, denn nicht immer haben  die Abnehmer im Lebensmitteleinzelhandel  Verständnis für die spezifischen Bedingungen des fairen Handels. Fällt zum Beispiel der Preis für Kaffee im konventionellen Handel, so denken viele, dass das im fairen Handel genau so sein soll. Hier sind alle Teilnehmer und vor allem auch TransFair e. V. gefordert,  Bewusstseinsarbeit zu leisten.

Fairer Handel Aktuell:

Wie denkt ihr wird sich der Faire Handel weiterentwickeln?

Klaus Kruse:

Wir glauben, dass der faire Handel seine beste Zeit noch vor sich hat. Immer mehr Verbrauchern ist es nicht egal, unter welchen Umständen ihr Kaffee oder ihre Schokolade hergestellt werden. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten nicht auseinanderdividieren lassen und das Vertrauen der Verbraucher erhalten bleibt. Eine Siegelinflation oder Lightversionen von bestehenden Siegeln helfen da nicht. Vielleicht wäre eine gesetzliche Regelung ähnlich dem Biosiegel ein Weg. Das würde dem fairen Handel noch mal zusätzlichen Schub verleihen.

Fairer Handel Aktuell:

Vielen Dank für das Gespräch! Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg bei eurer Arbeit!

 

*“Bei Kakao, Zucker, Fruchtsaft und Tee ist die physische Rückverfolgbarkeit insbesondere aus logistischen Gründen nicht überall möglich. Damit Fairtrade-Produzentenorganisationen dennoch am fairen Handel teilnehmen können, dürfen hier bei der Verarbeitung konventionelle und fair produzierte Rohstoffe vermischt werden. Diese Produkte sind mit dem Hinweis „mit Mengenausgleich“ gekennzeichnet”. Quelle: Fairtrade Deutschland

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