Bittere Orangen – Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa

Jun 27, 2019 by     No Comments    Posted under: Buchtipps, Italien

An dieser Stelle möchte ich das Buch „Bittere Orangen. Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa“ von Gilles Reckinger vorstellen, das 2018 im Peter Hammer Verlag erschienen ist.

Bittere Orangen - Arbeiter mit Orangenkisten

Foto: Arbeiter mit Orangenkisten (© Gilles Reckinger)

Vor dieser Veröffentlichung hat sich Gilles Reckinger bereits intensiv mit der Situation von Geflüchteten auf der Insel Lampedusa beschäftigt. Aus diesem Zusammenhang heraus hat er sich schließlich gefragt, was wohl mit den Menschen passiert, die Lampedusa verlassen und auf das italienischen Festland gebracht werden. Wie leben und überleben diese Menschen in Italien?

Auf den Orangenplantagen in Kalabrien

Um diesen Fragen auf den Grund zugehen, ist der Autor immer wieder von 2012 bis 2017 nach Rosarno in Kalabrien gereist, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie die Migranten dort leben und arbeiten. Was er dort erlebt, sind die katastrophalen Lebensbedingungen von überwiegend afrikanische Migranten, die in der Zitrusfrüchteproduktion arbeiteten. Die Arbeiter leben in Slums unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie arbeiten für einen Lohn, der kaum zum leben reicht und verdienen, wenn sie das Glück haben auf dem „Arbeitsstrich“ regelmäßig mitgenommen zu werden, etwa 150 Euro im Monat. Dabei sind sie der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert und der Geringschätzung und Rassismus durch Einheimische ausgesetzt. Und das obwohl sie mit ihrer Arbeitskraft diese und auch andere Regionen in Italien wirtschaftlich stärken.

Arbeiter in Zeltstadt

(© Carole Reckinger)

Empathische Einblicke in das Leben der Arbeiter

Mir ist zu Beginn der Lektüre sofort der lebendige Schreibstil aufgefallen, der ein sehr anschauliches Bild der besuchten Orte und der Menschen zeichnet. Dabei lässt die kultursensitive Sprache des Autors schon zu Beginn erahnen, dass er den Migranten als Gesprächspartner auf Augenhöhe begegnen möchte. Dieses Bild verfestigt sich im Laufe der Lektüre und die Intention des Autors, etwas für die Verbesserung der Lebensumstände der Migranten herbeiführen zu wollen, wirkt absolut glaubwürdig. Zu diesem Eindruck trägt insbesondere bei, dass der Autor den Leser an den eigenen Gedanken und Bedenken teilhaben lässt und sich damit als einfühlsamer Mensch zeigt, der sich den Migranten empathisch annähert.

Auf diese Weise gibt Gilles Reckinger den Menschen, die pauschal als Flüchtlinge bezeichnet und degradiert werden, einen Teil ihrer Würde wieder. Er erzählt ihre Geschichten und beschreibt ihre Lebenssituation ohne Wertung. Und es gelingt ihm, dass der Leser sich bald einfühlen kann. Schnell wird deutlich, dass unsere eurozentrische Sichtweise nicht dazu geeignet ist, um die Entscheidungen der Menschen, die sie nach Europa gebracht haben, zu bewerten.

Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa

Es wird aber auch deutlich, dass die schwierigen Lebensumständen der Migranten in Italien deutlich komplexer sind, so dass eine Verbesserung in naher Zukunft wohl kaum eintreten wird. Beispielsweise spielen hier auch mafiöse Strukturen eine Rolle oder die Abschottungspolitik europäischer Länder, die ihren eigenen Werten nicht gerecht werden, wenn es um den Umgang mit Flüchtlingen geht.

Auf jeden Fall aber wäre der Anbau von Zitrusfrüchten in Europa nicht mehr konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt, ohne die Arbeitsmigranten, denen nichts anderes übrig bleibt, als zu jedem noch so geringen Preis zu arbeiten, um zu überleben. Das ist in der Tat ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa!

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